Vortragsreihe von IZP und IZEA im Sommersemester 2026
Vertrauen: Sicherheit im Ungewissen? Funktionen einer sozialen Ressource.
Organisation und wissenschaftliche Leitung: Dr. Frank Grunert, Dr. Diethard Sawicki
Unter den sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen der Moderne wird seit der Frühen Neuzeit die Erosion traditioneller Garantien für soziale Stabilität sichtbar und erfahrbar. Die Erfahrung von Differenz und Konkurrenz und damit von Kontingenz führt zu der Einsicht in die Gefährdungen, die aus der zunehmenden, Unsicherheiten hervorbringenden Komplexität sozialer Beziehungen resultieren. Damit geht die Gewissheit einher, in wachsendem Maße selbst für das eigene Handeln und dessen Erfolg verantwortlich zu sein. Die normativen Anstrengungen des 17. und 18. Jahrhunderts – etwa im Bereich von Recht und Moral, aber auch in Pädagogik, Ökonomie, bei der Herausbildung sozialer Institutionen sowie bei der Etablierung verlässlicher Wissensordnungen – lassen sich als Versuche verstehen, diesen Unsicherheiten zu begegnen.
Als eine soziale Schlüsselkategorie erweist sich dabei das Vertrauen: jenes Einverständnis, das Handeln unter Bedingungen von Unsicherheit erst ermöglicht. Vertrauen fungiert als ein „Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“ (N. Luhmann) und wird bereits in der Frühneuzeit ausdrücklich reflektiert, nicht zuletzt in zeitgenössischen Nachschlagewerken wie denen von Walch oder Zedler. Vertrauen ist dabei keine rein individuelle Haltung, sondern wird durch soziale Übereinkünfte und institutionelle Arrangements – etwa Versprechen, Eide oder andere Verfahren der Verlässlichkeitssicherung – erzeugt, stabilisiert oder auch begrenzt. Zugleich bildet es eine zentrale Voraussetzung ökonomischen Handelns, das auf Kredit, Reputation und Zukunftserwartungen angewiesen ist.
Eine besondere Rolle spielt Vertrauen zudem im religiösen Feld. In frömmigkeitsgeschichtlicher und theologischer Perspektive prägt es das Verhältnis der Gläubigen zu ihren Geistlichen, etwa in der Beichte, in der fiducia sowohl personales Vertrauen als auch Gottvertrauen bezeichnet. Umgekehrt ist das Vertrauen der Geistlichen in die religiöse und moralische Verlässlichkeit ihrer Gemeinden Voraussetzung kirchlicher Ordnung. Vertrauen ist hier nicht zuletzt eine emotionale Kategorie, die erfahren, kommuniziert und auch enttäuscht werden kann.
Die Vortragsreihe von IZP und IZEA im Sommersemester 2026 nimmt Vertrauen als historisch wandelbare Kategorie in den Blick und reflektiert es interdisziplinär in seinen rechtlichen, ökonomischen, frömmigkeitsgeschichtlich-theologischen und emotionsgeschichtlichen Dimensionen von der Frühen Neuzeit bis in die Moderne.
27.04.26 Prof. Dr. Martin Endreß (Trier): Das Geheimnis des Vertrauens.
12.05.26 Prof. Dr. Lore Knapp (Bielefeld / Berlin): Vertrauen. Lyrik und Briefe
von Schriftstellerinnen im 18. Jahrhundert.
09.06.26 Prof. Dr. Peter Schröder (London): Vertrauen als Interpretament
der frühneuzeitlichen Geschichte des politischen Denkens.
16.06.26 Prof. Dr. Traugott Jähnichen (Bochum): Vertrauen als "Kredit" –
Evangelische Unternehmer im Spannungsfeld von Mission,
Fürsorge, Sozialdisziplinierung und ökonomischem Kalkül.